8. Literaturauswahl

Für Ihre Bachelorarbeit über die Rechtslehre Hans Kelsens recherchieren Sie in verschiedenen Fachdatenbanken und Katalogen. Schnell häufen sich mehrere hundert Treffer an – Treffer, die wenigstens auf den ersten Blick für zitierwürdige Dokumente stehen. Wie sollen Sie mit dieser Flut an Informationen umgehen? Einerseits müssen Sie den gegenwärtigen Stand der Kelsen-Forschung analysieren, andererseits können Sie unmöglich alle gefundenen Dokumente beschaffen, lesen und durcharbeiten.

In dieser Einheit wird das schwierige Thema der Literaturauswahl angerissen. Als Orientierungshilfe werden Ihnen einige Auswahlkriterien und Filtertechniken aus der Praxis vorgestellt. Wichtig ist der Tipp: Folgen Sie nicht blind dem Trefferranking eines Suchwerkzeugs, sondern berücksichtigen Sie auch Ihre eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten.


8.1 Allgemeines zur Literaturauswahl

Beim Schreiben einer Seminar-, Abschluss- oder Doktorarbeit sollten Sie in der Regel nur auf zitierwürdige Primär- und Sekundärquellen zurückgreifen. Wikipedia-Einträge, Zeitungsartikel und populärwissenschaftliche Texte scheiden z. B. als Sekundärquellen aus. Trotz dieser Einschränkung können Sie bei der Recherche auf zu viele Informationen stoßen. In einem solchen Fall sind Sie gezwungen, eine Auswahl zu treffen, die beidem gerecht wird: einerseits den Anforderungen Ihres Themas und Ihrer Prüfer, andererseits den Ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten! Die Literaturauswahl gehört zu den schwierigsten Schritten der Recherche. Als Hilfe lassen sich einige allgemeine Tipps geben:

  • Tipp 1: Auswahl nicht dem Suchwerkzeug überlassen! Die Treffer einer Suchanfrage werden Ihnen in einer bestimmten Reihenfolge präsentiert. Häufig haben Sie die Möglichkeit, die Art der Sortierung über ein Auswahlmenü festzulegen, z. B.:

    chronologisch nach Erscheinungsdatum,
    alphabetisch nach Verfasser oder
    angeordnet nach Relevanz.

    Diese Sortierfunktionen können eine wichtige Hilfe sein, sollten Ihnen die Auswahl jedoch nicht aus der Hand nehmen: Nur weil ein Dokument nach den internen Kriterien eines Suchwerkzeugs als das relevanteste ausgezeichnet wird, muss es nicht das für Ihre Arbeit nützlichste sein. Denken Sie bei jeder Art der Sortierung daran: Auch auf späteren Trefferseiten können sich wichtige Treffer verbergen!

  • Tipp 2: Verschiedene Faktoren heranziehen! Je mehr Treffer Ihnen zu einer Anfrage geliefert werden, desto wählerischer können Sie sein. Neben klassischen Auswahlkriterien wie Themenzugehörigkeit, Qualität und Aktualität lassen sich weitere Kriterien heranziehen: Schwierigkeitsgrad, Umfang, Verfügbarkeit etc. Hierdurch können Sie Ihre eigene Arbeitssituation stärker berücksichtigen: persönlicher Wissensstand, zur Verfügung stehende Zeit etc.

  • Tipp 3: Schrittweise vorgehen! Sie müssen nicht auf einen Schlag alle relevante Literatur auswählen. Setzen Sie beispielsweise zwei Filter ein:

    Filter 1: bei Ansicht der Trefferliste
    Ziel: möglichst schnel­le Vor­aus­wahl an­hand von ein­fachen Kri­teri­en wie:
    relevant / nicht relevant
    aktuell / nicht aktuell etc.
    Entscheidungs­hil­fen:
    Titel und Ver­fas­ser
    Verlag
    Erscheinungs­jahr
    Auflage
    Schlagwörter
    Abstract und Inhalts­ver­zeich­nis
    Filter 2: nach Beschaffung der Volltexte
    Ziel: durch Quer­le­sen fest­stel­len, ob sich eine in­ten­si­ve Be­schäf­ti­gung mit dem Text lohnt
    Entscheidungs­hil­fen:
    Klappen­text
    Vorwort, Geleit­wort
    Abstract
    Inhalts-, Stichwort­ver­zeich­nis
    Literaturver­zeich­nis
    Inhalt und Form
  • Tipp 4: Vorwissen nutzen! Hilfreich bei der Auswahl sind Kenntnisse, die Sie im Vorfeld über Ihr Thema oder Fachgebiet gewonnen haben (vgl. Einheit 3). Z. B.: Wer zählt zu den führenden Experten in Ihrem Themengebiet? Was sind hoch bewertete Zeitschriften? Welche Verlage haben einen guten Ruf? usw. Eine Orientierungshilfe kann auch das Studium von Literaturverzeichnissen liefern: Sie bilden eine von Wissenschaftlern getroffene Auswahl. Häufig genannte Autoren und Texte sind vermutlich von zentraler Bedeutung für Ihr Thema.

  • Tipp 5: Recherche und Literaturauswahl dynamisch in den Arbeitsprozess einbinden! Im Laufe Ihres Schreibprojekts haben Sie viele Gelegenheiten, die Recherche fortzuführen und Ihre Selektionsentscheidungen dem Arbeitsstand anzupassen. Dokumente, die einer ersten Aussortierung zum Opfer gefallen sind, lassen sich unter neuen Gesichtspunkten rehabilitieren.

8.2 Auswahlfaktoren (nach Wang / Soergel)

Die Informationswissenschaftler Peiling Wang und Dagobert Soergel haben in einer empirischen Studie untersucht, welche Faktoren bei der Auswahl von Dokumenten berücksichtigt werden. Die folgende Tabelle listet absteigend die am häufigsten herangezogenen Kriterien auf, zusammen mit typischen Fragestellungen und Hinweisgebern:

Kriterium Fragestellungen Hinweisgeber (ohne Volltext)
Themenzuge­hör­ig­keit In welchem Maß han­delt das Do­ku­ment von Ihrem The­ma? Be­rührt es Ihre Fra­ge­stel­lung nur am Ran­de oder ist es ge­nau da­rauf aus­ge­rich­tet? Ist sein An­satz für Ihre Zwe­cke zu eng oder zu weit? Titel, sys­tema­tische Ein­ord­nung; Ab­stract, In­halts­ver­zeich­nis
Qualität Welche Rück­schlüs­se kön­nen Sie von den äu­ßeren Mer­kma­len auf die Quali­tät des Tex­tes zie­hen? Ist er sau­ber ge­stal­tet und klar struk­tu­riert? Hat der Ver­fas­ser einen guten Ruf? Ste­hen der Ver­lag oder die Zeit­schrift für hoch­wer­tige wis­sen­schaft­liche Li­tera­tur? Verlag, Autor, Auf­lage; Ab­stract, In­halts­ver­zeich­nis
Schwierig­keits­grad An wen richtet sich das Do­ku­ment? An Ex­per­ten, Stu­dien­an­fänger oder Prak­ti­ker? Ist es für Ihren Kenn­tnis­stand zu schwie­rig oder zu ober­fläch­lich? Ent­spricht sein Ni­veau den An­sprü­chen, die Ihre Ar­beit er­fül­len muss? Titel, Ver­lags­rei­he; Ab­stract, In­halts­ver­zeich­nis
Neuigkeits­wert Haben Sie das Do­ku­ment be­reits ge­le­sen oder nicht? Wur­de der In­halt schon in an­deren Tex­ten be­han­delt, die Sie durch­ge­ar­bei­tet ha­ben? Titel, Autor; Ab­stract, In­halts­ver­zeich­nis
Aktualität Gilt das Do­ku­ment in Ihrem Fach­ge­biet als ver­al­tet, weil es in dem und dem Jahr er­schie­nen ist? Ist es ak­tu­ell und am Puls der For­schung? Be­sitzt es den Sta­tus eines zeit­lo­sen Klas­sikers? (letztes) Er­schei­nungs­jahr
Fachrich­tung Stammt das Do­ku­ment aus einem Fach­be­reich, mit des­sen Me­tho­den und Tech­niken Sie ver­traut sind? Ist der zu er­war­ten­de fach­spe­zi­fische An­satz für Sie re­le­vant? systema­tische Ein­ord­nung, Ver­lags­reihe, Au­tor
persönliche Bin­dung Wurde das Do­ku­ment von ei­ner Per­son ver­fasst oder he­raus­ge­ge­ben, zu der Sie eine en­gere Bin­dung ha­ben – z. B. von Ihrer Do­zen­tin oder Ihrem Ar­beit­ge­ber? Kann Ihnen die­se Be­zieh­ung nut­zen? Was wis­sen Sie über die zu er­war­ten­de Qua­li­tät? Autor
Autorität Welchen Ruf ge­nießt der Ver­fas­ser oder der Ver­lag in der Fach­welt? Gel­ten sie als Ex­per­ten, die bei einer Ar­beit auf jeden Fall zu be­rück­sich­ti­gen sind? Ha­ben sie ei­nen Au­ßen­sei­ter­sta­tus? Autor, Ver­lag
Erfordernis­se Brauchen Sie eine be­son­dere Fä­hig­keit oder ei­ne be­son­dere Aus­stat­tung, um das Do­ku­ment nut­zen zu kön­nen? Müs­sen Sie ei­ne Fremd­spra­che be­herr­schen? Be­nö­ti­gen Sie ein spe­ziel­les Le­se­ge­rät (z. B. für Mi­kro­fiches) oder ei­ne spe­ziel­le Soft­ware? Ti­tel, Ver­merk: Bei­lagen, Ab­stract, In­halts­ver­zeich­nis
Umfang (Lese­zeit) Wie viel Lese­zeit wer­den Sie für das Do­ku­ment auf­brin­gen müs­sen? Ist in Ihrem Zeit­plan ge­nug Platz für die Lek­tü­re? Ver­merk: Sei­ten­zahl; In­halts­ver­zeich­nis
Verfügbar­keit Wie leicht und schnell kom­men Sie an das Do­ku­ment? Steht es in Ihrer Bi­bli­o­thek? Müs­sen Sie zur Fern­lei­he grei­fen, ei­nen in­ter­nati­ona­len Lie­fer­ser­vice ein­schal­ten oder pri­vat eine Per­son an­schrei­ben? Fund­stel­le, Ver­füg­bar­keits­an­gabe

8.3 Auswahltechniken

Angesichts der Vielzahl von Auswahlkriterien wird es nicht immer einfach sein, eine Entscheidung zu treffen. In der Studie von Wang und Soergel werden einige der Praxis entnommene Auswahltechniken beschrieben. Sie können als Anregung dienen.

  • Technik 1: Ausschluss über einen ungewollten Aspekt (vgl. Einsatz des Nicht-Operators)
    Enthalten die Angaben des Doku­ments einen un­ge­woll­ten As­pekt?
    Wenn ja: Verwerfen Sie es!
    "Dem Ti­tel nach geht es in die­sem Buch aus­schließ­lich um Bau­ge­setze in Chi­na. … Chi­na in­teres­siert mich nicht. Ich lass‘ es weg – we­nigs­tens erst ein­mal!"
  • Technik 2: Auswahl über mehrere [un]gewollte Aspekte
    Sind mehrere [un]gewollte As­pek­te en­thal­ten?
    Wenn ja: [Verwerfen /] wählen Sie den Text!
    "Ich bin mir nicht si­cher. Aber der Auf­satz scheint ei­nen Blick wert zu sein: Er ist sehr ak­tu­ell und steht in der 'Zeit­schrift für Be­triebs­wirt­schaft'. Die ha­ben wir doch in der Bi­bli­o­thek!"
  • Technik 3: Auswahl eines dominierenden Treffers
    Gibt es unter sich ähn­lichen Tref­fern ei­nen, der in ei­ner Hin­sicht po­si­tiv her­vor­sticht, in Be­zug auf die an­deren As­pekte aber nicht schlech­ter ab­schnei­det?
    Wenn ja: Wählen Sie ihn!
    ­ "Zwei­mal das­sel­be Buch. Aber das ei­ne ist die drit­te, das an­der­e die vier­te Auf­lage! … Klar, ich neh­me die neu­e­re der bei­den!"
  • Technik 4: Suchstopp bei Sättigung
    Haben Sie den Ein­druck, zu einem The­ma ge­nü­gend gute Tref­fer ge­fun­den zu ha­ben?
    Wenn ja: Stoppen Sie (vorerst) die Auswahl zum Thema!
    "Sie se­hen al­le nütz­lich aus. Aber ich ha­be schon vier gu­te Auf­sätz­e zur Def­i­ni­ti­on von Fran­chise­sys­te­men. … Ich las­se es erst ein­mal da­bei."
  • Technik 5: Entscheidung über eine Dokumentenmenge
    Hängen be­stimm­te Tex­te zu­sam­men? (Ste­hen z. B. al­le in ei­nem ge­mein­samen Sam­mel­band?)
    Wenn ja: Entscheiden Sie für oder gegen die Gesamtmenge!
    "Die­ser Auf­satz scheint die Be­sprech­ung ei­nes an­der­en Auf­satzes zu sein. Vom Ti­tel her ge­nau mein The­ma. … Al­so: neh­men! Und den Ori­gi­nal­auf­satz be­sor­ge ich mir auch noch!"

8.4 Quizfragen

1.

Angenommen, ein Suchwerkzeug bietet die Möglichkeit, eine Trefferliste nach "Relevanz" ordnen zu lassen. Vorrangiges Relevanzkriterium ist dabei die Frage, welchen prozentualen Anteil die eingegebenen Suchausdrücke unter den Titelwörtern eines Dokuments ausmachen: je höher der Anteil, desto höher die Platzierung in der Liste.

Sie haben aus allgemeinem Interesse die Suchanfrage [ nachhaltigkeit ] eingegeben. Ordnen Sie die folgenden Buchtitel absteigend nach ihrem Rang in der Trefferliste!

a)"Nachhaltigkeit. Eine Einführung für Stu­dieren­de"
b)"Nachhaltigkeit. Die Zukunft im Blick. Wie wir Ver­antwor­tung für mor­gen über­neh­men."
c)"Forstliche Nachhaltig­keit"
d)"Umweltbildung, Umweltkommunikation und Nach­hal­tig­keit"

Lösung ein/aus

2.

Als wichtiges Auswahlkriterium werden häufig die Autoren oder die herausgebende Institution genannt: Handelt es sich um Experten? Besitzen sie eine wissenschaftliche Ausrichtung? Vollständig anonyme Texte gelten als nicht zitierwürdige Sekundärquellen – u. a., weil der wissenschaftliche Hintergrund der Verfasser unbekannt ist.

Lässt sich dieses Kriterium rational begründen? Schließlich spielt es keine Rolle, wer eine Aussage oder ein Argument vorbringt, sondern nur, ob die Aussage wahr, das Argument stichhaltig ist!

Lösung ein/aus

3.

Was fällt Ihnen bei der unten stehenden DigiBib-Trefferanzeige auf?

Lösung ein/aus

4.

Die unten aufgelisteten Aussagen sind der Studie von Wang und Soergel entlehnt und protokollieren die Auswahlüberlegungen von Katalognutzern. Ordnen Sie sie den in 8.3 vorgestellten Techniken zu.

a)Ausschluss über einen ungewollten Aspekt
b)Auswahl über mehrere [un]gewollte Aspekte
c)Auswahl eines dominierenden Treffers
d)Suchstopp bei Sättigung
e)Entscheidung über eine Dokumentmenge
1)"Sieht aus, als wäre es zu Politik-orientiert; außerdem ist es zu alt."
2)"Beide haben fast dieselben Inhalte. Aber ich mag das hier nicht: Es ist etwas zu tech­nisch. Also werde ich ein­fach das andere neh­men."
3)"Das ist eine Doktorarbeit. Der Abstract sagt nicht wirklich viel. Ich tendiere dazu, sie zu über­gehen."
4)"Die Dokumente sehen alle nützlich aus. Ich werde sie nicht alle lesen. … Nein, ich habe hierzu schon etwas auf die Schnel­le heraus­gepickt."
5)"Drei Artikel in Folge. Sie scheinen aus einer Sonderausgabe zur nachhaltigen Agrarwirt­schaft zu stam­men. Ich wer­de sie mir be­sorgen."

Lösung ein/aus


8.5 Zugrunde gelegte Literatur

Ausgiebige Informationen zum Prozess der Literatur­auswahl finden Sie in Brink (2013). Von dort sind auch die beiden Fil­ter aus Abschnitt 8.1. entnom­men. Die Studie von Wang und Soergel lässt sich in Wang/Soergel (1998) nachschlagen, Schell­hase (2008) bietet eine deutsch­sprachige Zusammen­fassung. Der kurze Aus­flug in die infor­male Logik (Aufgabe 2) könnte An­reiz sein, einen Blick in Wal­ton (2008) zu wer­fen.

  • Brink, Alfred (2013): Anfertigung wissenschaftlicher Arbeiten. Ein prozess­orientierter Leit­faden zur Erstel­lung von Bachelor-, Master- und Diplom­arbeiten in acht Lern­einheiten, 5. Aufl. Wies­baden: Springer.
  • Schellhase, Jörg (2008): Recherche wissen­schaftlicher Publi­kationen, Lohmar: Eul.
  • Walton, Douglas (2008): Informal Logic. A Pragmatic Approach, 2. Aufl. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Wang, Peiling / Soergel, Dagobert (1998): A Cognitive Model of Docu­ment Use during a Research Project. Study I. Docu­ment Selec­tion, Journal of the Ameri­can Society for Infor­mation Science 49(2), S. 115-133.

Stand: 13.06.2017, webredbib@umwelt-campus.de

 

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